Rede zur Ausstellungseröffnung „midlife
crisis“ von Jochen Traar in der Rittergallery, Klagenfurt
Bernd Liepold-Mosser
Jänner 2007
Die erste Frage, die uns beschäftigt,
ist: wie kommt das T zum Shirt. Oder anders: wie verlor das Hemd
seine Ärmel?
Dass das T-Shirt seinen Namen dem Buchstaben verdankt,
dessen Form es nachahmt, ist ein verbreiteter Irrtum. Wie viele
bedeutende Errungenschaften entstammt es dem militärischen
Komplex. Sein Name geht auf eine Aussschreibung der US-amerikanischen
Marine zurück, die in den Tagen des Ersten Weltkrieges nach
einem luftigen Trainings-Shirt verlangte, um Ersatz für die
schwere wollene Unterbekleidung zu finden. Die Textilindustrie
reagierte, und die Marines trugen im nächsten Krieg komfortable,
luftige Baumwoll-Shirts, während sich deutsche Truppen weiterhin
in Feldbluse, Hemd und Selbstbinder herumschlugen. Vielleicht hatte
das Auswirkungen auf den Kriegsverlauf, auf jeden Fall aber
auf das Image: kaugimmukauende T-Shirt-Träger waren die prädestinierten
Winner, im Unterschied zu den dumpfen, hölzernen und abstoßenden
deutschen Soldaten. Fit durch Outfit, um es in der Sprache der
Werbung zu sagen.
Auch in der Tradition Großbritanniens findet sich ein Verweis
auf die Entstehung des T-Shirts. Der englische Adel soll dem Personal
das Tragen eines kurzärmeligen Leinenhemds beim Servieren
zur Tea-Time gestattet haben, da die Gerbsäure des schwarzen
Tees zu dauerhaften Flecken auf den langen Ärmeln führte.
Wir lernen also aus der Geschichte: das T vor dem Shirt steht entweder
für Training oder für Tee.
Einer Legende zufolge geht die Entstehung des T-Shirts aber auf
das Jahr 1890 zurück. Das wild wuchernde Achselhaar unter
den Trägerleibchen seiner Matrosen soll den Kapitän eines
englischen Kriegsschiffes in Sorge versetzt haben, es könnte
die für ihre Prüderie berüchtigte Königin Victoria
vor den Kopf stoßen, sodass er seiner Crew befahl, zwei kurze Ärmel
anzunähen. Wie auch immer...
Das T-Shirt avancierte zum Kleidungsstück, sein Siegeszug
ist nur mit dem der Blue-Jeans vergleichbar ist. Gesellschaftsfähig
wurde es, als Marlon Brando alias Stanley Kowalksy seinen Oberkörper
im 1951 gedrehten Film „Enstation Sehnsucht“ in kurzärmeliger
weißer Baumwolle zur Schau stellte und damit einen kleinen
Skandal auslöste. Ein andere bemerkenswerte Filmszene stammt
aus dem Streifen „Die Tiefe“ aus dem Jahr 1977, in
dessen Eröffnungsszene Jacqueline
Bisset nur mit weißem T-Shirt und schwarzer Bikini-Hose
bekleidet im Meer taucht, um sich anschließend mit dem nass-transparentem
Shirt auf einer Yacht zu räkeln.
Die zweite Frage, der ich kurz nachgehen
will, lautet: Warum bedrucken wir T-Shirts?
Ende der 50er Jahre gelangte das T-Shirt gemeinsam mit dem Rock’n’Roll
nach Europa. Es blieb kein weißes Stück Stoff, nein,
es wurde populär, es mit Botschaften zu zieren. Das T-Shirt
gibt die Möglichkeit, eine kurze Message gezielt zu plazieren,
in dem man sie mit sich herumträgt. Als Ausdrucksmittel changieren
zwischen politischem Statement, ironischem Kommentar und Kommerz,
schafft es Abgrenzung, Zugehörigkeit, vorübergehende
Identität. Man druckt Slogans auf, Zitate, Labels, Grafiken,
Skizzen, Stars und Marken.
Mode ist Interaktion. Fragestellungen wie Selbstdarstellung und
Fremdwahrnehmung anhand von T-Shirts liefern mittlerweile Stoff
für Dissertationen. Das T-Shirt ist der schmerzlose und flexible
Ersatz von Bemalung und Tättowierung. Wir beschriften die
zweite Haut, um damit etwas auszusagen, und bekanntlich liegt die
Bedeutung der Kommunikation in der Reaktion, die man erhält.
Bei der Premiere meiner Dramatisierung von „Dorf an der Grenze“ trug
ich zum Schlußapplaus ein rotes T-Shirt, auf dem die Lettern
der UdSSR aufgedruckt waren. Bei der anschließenden Premierenfeier
wurde ich vom Intendanten angesprochen. „Das meinst du doch
nicht ernst.“ Meine schlaue Antwort: „Für mich
ist die Chiffre CCCP der Ausdruck einer Leerstelle, die darauf
hinweist, dass der Sieg des Kapitalismus nicht das letzte Wort
gewesen sein kann.“ Der Intendant legte die Stirn in Falten,
betretene Ratlosigkeit machte sich breit. Vielleicht hat der Soziologe
Erving Goffman recht, wenn er sagt: „Interaktion ist größtenteils
Glückssache."
Bei der Premiere meiner Dramatisierung der Erzählung „Bartleby“ von
Hermann Melville am Düsseldorfer Schauspielhaus trug ich,
gemäß der Maxime des Protagonisten, ein T-Shirt mit
der Aufschrift: „Ich möchte lieber nicht.“ Diese
Botschaft kam an: das Stück wurde seither nie mehr aufgeführt.
Zuhause trage ich ein weißes T-Shirt mit dem Aufdruck „Papa
de luxe“. Es wurde mir nicht von meinen Töchtern geschenkt,
und ich frage mich gerade, wen ich damit beeindrucken möchte.
Die Wirtschaftswissenschafterin Petra Rivoli hat in ihrem Bestseller „Reisebericht
eines T-Shirts: Ein Alltagsprodukt erklärt die Weltwirtschaft“ eine
Geschichte aus der globalisierten Welt geschrieben. Sie hat zwei
Jahre lang die Reise des T-Shirts verfolgt – kein besonders
modisches Teil, wie sie selbst sagt: ein weißes Baumwoll-Shirt
aus einer Drogerie, bedruckt mit einem rosa Papagei und dem Slogan „Florida
is beautiful“. Die Reise hat sie über tausende Kilometer
und drei Kontinente geführt, denn das eingenähte Label „made
in china“ war nur die halbe Wahrheit. Die Baumwolle wurde
in Texas angebaut, der Stoff in Schanghai verwoben und genäht,
in Florida bedruckt, in Washington getragen, um ein paar Jahre
später auf einem Secondhandmarkt in Ostafrika zu landen. "Mein
Shirt ging durch so viele Hände", schreibt Rivoli, "Nelson,
Yuan Zhi, Ed, Gulam, Mohammed und Yong Fang. Ich habe sie alle
getroffen." Viele Waren der globalisierten Wirtschaft
könnten eine ähnliche Geschichte erzählen.
Die dritte und letzte Fragestellung lautet:
Wie komme ich zum Thema, bzw: Was hat das mit Jochen Traar zu
tun?
Aber zuerst noch eine letzte kurze Schleife.
Kleidung läßt sich als künstliche, flexible Umhüllung,
die den Körper teilweise bedeckt oder komplett umgibt, definieren.
Sie bildet als Ganzes eine schützende künstliche Hülle unmittelbar
um den menschlichen Körper und prägt damit die äußere
Erscheinung maßgeblich mit. Im Gegensatz zu anderen künstlichen
Hüllen um den menschlichen Körper, (z.B. einem Schlafsack,
einem Zelt oder Architektur),
trägt der Mensch Kleidung mit sich herum. Als Maßnahme
der Körpergestaltung ist
sie - bewusst oder unbewusst - ein Mittel nonverbaler
Kommunikation.
Der geschichtliche Zeitpunkt, ab dem Menschen regelmäßig
Kleidung trugen, kann aus dem Auftreten der Kleiderlaus geschätzt
werden. Aktuelle Genanalysen deuten auf einen Entstehungszeitraum
vor etwa 75.000 Jahren hin. Seit 75.000 Jahren also schützen
sich Menschen mit Kleidung vor Kälte, Nässe, Hitze, vor
Blicken, vor Gewalt, Verletzungen, Verschmutzung, senden damit
Signale, kennzeichnen Standes- und Rangunterschiede, Berufsrollen
und heute ganz besonders soziokulturelle Codes und Lebensweisen.
Es gibt keine Kleidung, die nichts bedeutet. Schon
die ersten Mammut-Felle und Jagdtrophäen dienten auch dazu,
Unterschiede in der Hierarchie bzw. Funktionen im Stammesgefüge
deutlich zu machen. Es gibt keine Kleidung, die nicht auch Ästhetik
ist. Ja es ist nicht einmal möglich, einfach nur nackt zu
sein, ohne damit etwas auszudrücken.
Man kann Momente seiner Biografie tatsächlich
in Kleidungsstücken abbilden, und ich denke, genau das hat
Jochen Traar gemacht. Jedes einzelne T-Shirt, das wir hier sehen,
erzählt eine eigene Geschichte, steht für eine Station
einer Reise, in der sich Kunst und Leben vermischen. Nicht umsonst
hat Jochen den Baumwollleibchen durch seine Bearbeitung mit Leinöl
den Charakter von Haut verliehen. Das macht sie intim, und auch
ein wenig unheimlich. Es ergibt sich ein ganz persönlicher,
zwischen zufälligen Fundstücken und selbst kreierten
Motiven aufgespannter Raum der Verweisungen, einmal aufschlußreich,
dann wieder rätselhaft, aber immer integriert in den allgemeineren
Kontext, der von Kunst hervorgebracht wird.
Kleidung ist Sprache. Dem Textil ist immer schon
ein Text eingeschrieben. Bedeutung ist das Resultat einer
Verflechtung, eines Gewebes. Die Zeichen sind von ihrer Entleerung
bedroht. Che Guevara-Motive gibt es bei H&M, und die futuristische
Zeichensprache der russischen Revolution kehrt als Design von Sisley
wieder. Die Kommerzialisierung der Lebensbereiche schreitet voran,
und es bedarf eines einzelnen, persönlichen, subjektiven Einsatzes,
es bedarf der Kunst, um die Zeichen aus dem beschleunigten Prozeß ihrer
Selbstauslöschung zu befreien. Jochen Traar schenkt der Textur,
den Zeichen ihren Sinn zurück. Er entlehnt die Kleidungsstücke
aus seinem Leben und gibt ihnen eine komplexe, von Verweisen, Ironisierungen,
Anspielungen, Erinnerungen und Rätseln gekennzeichnete Bedeutung.
Es ist eine andere Art von Autobiografie, in der sich verschiedene
Einsätze und Haltungen, private Momente, künstlerische
Arbeiten, Lebenssituationen und Lebensstationen zu einer Textur
der letzten 20 Jahre zusammen fügen.
Lieber Jochen, ich gratuliere dir zu dieser „midlife crisis“.
Bernd Liepold-Mosser
Geboren 1968 in Griffen, Kärnten.
Studium der Philosophie und Germanistik in Wien, Dr. phil.
Wissenschaftliche und literarische Veröffentlichungen, Drehbücher
für Film und Fernsehen, Ausstellungskonzepte und -kataloge,
dramaturgische Tätigkeiten.
Von 1996-2001 Leiter des Peter Handke-Archivs in Griffen.
Seit 2001 freiberuflicher Autor und Regisseur.
MIDLIFE CRISIS,
t-shirts aus
der serie „midlife crisis“
2006, 50 x 40 cm
auf keilrahmen.